Arbeitszeugnisbewertung Ablauf

Praxistipps

Zwischen den Zeilen lesen

Neben dem Verwenden von sogenannten Geheimcodes können eine Reihe von anderen Unklarheiten ein Zeugnis problematisch erscheinen lassen. Besonders schwierig ist es, wenn Formulierungen auf den ersten Blick harmlos oder sogar positiv klingen, obwohl dies nicht der tatsächlichen Bedeutung entspricht. Unserer Erfahrung nach richtet sich das Augenmerk von einstellungs- und karriererelevanten Entscheidungsträgern schnell auf Widersprüche und unklare Aussagen in einem Zeugnis. Denn diese verraten viel über das Verhältnis zu Vorgesetzten und dem Team und geben Auskunft über Schwächen eines Bewerbers, ohne dass dies vorab auf "Augenhöhe" gemeinsam zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer verhandelt wurde. Auch wenn diese Art der Beurteilung nicht wünschenswert ist und den Zeugnisgrundsätzen widerspricht, findet sie in der Praxis dennoch häufig statt. An dieser Stelle möchten wir Ihnen drei ausgewählte Beispiele aufzeigen, an denen deutlich wird, wie notwendig es ist "zwischen den Zeilen zu lesen".

A) Die folgenden Beispiele gehören in die Leistungsbeurteilung und geben Auskunft über die Arbeitsbereitschaft, die Motivation:

Beispiel 1:
"Frau XY war eine außergewöhnlich interessierte Mitarbeiterin."

Beispiel 2:
"Frau XY war eine sehr aktive Mitarbeiterin."

Erläuterung:
Beim ersten Beispiel wird von einer "außergewöhnlich interessierten Mitarbeiterin" gesprochen, was im Zeugniskontext nicht unproblematisch ist. Hier kann das Interessiert-Sein darauf hinweisen, dass eine hohe Ablenkbarkeit durch Nebensächliches und eine fehlende Konzentration auf die wesentlichen Aufgaben vorlag. Womit auch die Motivation nicht mehr beurteilt wird und indirekt eher Aussagen zu der Arbeitsbefähigung getroffen wurden. Eindeutig positiv ist das zweite Beispiel, das die Motivation direkt anspricht und einen angemessenen Informationsgehalt bietet.

  

Unser Tipp:
Sollten Sie unsicher sein, ob die Formulierung tatsächlich gut oder Ihnen angemessen ist, sollte der betreffende Satz durch einen unmissverständlichen, wie den aus Beispiel 2, ersetzt werden.

B) Die nächsten Beispiele gehören zur Beurteilung des persönlichen Verhaltens und bieten Informationen über die sogenannte soziale Kompetenz:

Beispiel 1:
"Ihr kollegiales Verhalten machte sie bei Mitarbeitern und Vorgesetzten sehr beliebt."

Beispiel 2:
"Ihr persönliches Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Kunden war jederzeit einwandfrei."

 

Erläuterung:
Bei der Verhaltensbeurteilung gilt eine einfache, aber sehr wichtige Regel, die im ersten Beispiel nicht beherzigt wurde. Grundsätzlich ist die Reihenfolge dann korrekt, wenn der Vorgesetzte zuerst aufgeführt wird in der Aufzählung. Ob wissentlich oder arglos ist in diesem Fall unerheblich, da diese Formulierung auf ein problematisches Verhältnis zu Vorgesetzten hinweist und darum negativ zu bewerten ist.

Unser Tipp:
Kontrollieren Sie, ob die Reihenfolge in Ihrem Zeugnis (zuerst Vorgesetzte, dann Mitarbeiter) korrekt aufgeführt ist, sowie es in Beispiel 2 der Fall ist.

   

C) Die folgenden Beispiele beschreiben den Führungsstil, die Mitarbeitermotivation und geben Aufschluss über den erreichten Erfolg:

Beispiel 1 Führungsstil:
"Seine Vorstellung verfolgte er stets sehr konsequent und zeigte bei Bedarf eine ausgeprägte Autorität mit dem Ziel, die Arbeitseffizienz seines Teams zu verbessern."

Beispiel 2 Führungsstil:
"Als Vorgesetzter besitzt Herr XY die notwendige Konsequenz, natürliche Autorität und organisatorische Fähigkeiten, Mitarbeiter anzuleiten und zielgerichtet zu führen."

Erläuterung:
Beide Formulierungen unterscheiden sich auf den ersten Blick vielleicht wenig und erscheinen sogar wohlwollend. Bei genauerer Betrachtung ist jedoch nur die zweite Aussage über den Führungsstil und Arbeitserfolg tatsächlich positiv. Ist im Beispiel 1 von einer "ausgeprägten Autorität" die Rede, kann dies auf einen rücksichtslosen Führungsstil hinweisen. Und mit dem Zusatz "zeigte bei Bedarf eine ausgeprägte Autorität mit dem Ziel, die Arbeitseffizienz seines Teams zu verbessern"  ist sogar der Erfolg fraglich, denn allein das Ziel die Arbeitseffizienz zu steigern, sagt noch nichts über das tatsächliche Ergebnis aus.

  

Unser Tipp:
Achten Sie also darauf, dass Ihre Charaktereigenschaften und Kompetenzen unverstellt und klar Erwähnung finden. Sollte eine negative oder missverständliche Formulierung Ihrer Selbsteinschätzung widersprechen, empfehlen wir eine Berichtigung, welche gemäß des Grundsatzes einer wohlwollenden und wahren Beurteilung überprüft werden muss.

Ein bisschen Fingerspitzengefühl ist also gefragt, wenn gleich klingende Formulierungen nicht gleich bedeutend sind.

Für Detailfragen, das Aufdecken von ungünstigen Aussagen und die Herausforderungen des Zeugnisschreibens allgemein kann vertiefend einschlägige Literatur zu Rate gezogen werden. Sehen Sie sich dazu unsere Literatur-Tipps in dem Servicebereich Wissen an, oder, wenn Ihnen die Zeit knapp wird, beauftragen Sie unser Expertenteam.